Schülerinnen und Schüler der Jahrgangstufe 12 des Städtischen Gymnasiums Rheinbach im befruchtenden Diskurs mit PROF. DR. THEOL. MICHAEL ROTH

"Why be moral?" Unter dieser Fragestellung kann man das Autorengespräch am 2. April 2014 zwischen MICHAEL ROTH und den Schülerinnen und Schülern des Grundkurses 1 Evangelische Religionslehre unter der Leitung von ELKE WINDRATH zusammenfassen.

Schon der einleitende Vergleich von ARTHUR SCHOPENHAUERS und MICHAEL ROTHs Positionen zum Theorem der Willensfreiheit öffnete den Teilnehmerinnen und Teilnehmern den Blick dafür, dass in den anderthalb Stunden nicht das folgen würde, was allgemein von einem Theologen erwartet wird − eine Erfahrung, die die Schülerinnen und Schüler bereits während der Erarbeitung der Ganzschrift „Willensfreiheit? Ein theologischer Essay zu Schuld und Sünde, Selbstgerechtigkeit und Skeptischer Ethik" machen konnten: kein erhobener Zeigefinger à la Lehrer Lämpel, keine Klage über den gegenwärtig angeblich grassierenden Wertefall, kein behäbiger alter Mann mit Brille und Bart.

 

Stattdessen gelang es den Kursteilnehmerinnen und -teilnehmern, Herrn ROTH in offener, angenehmer, konzentrierter und kurzweiliger Atmosphäre selbstbewusst ihre mitunter auch divergierende Sicht von menschlichem Handeln, Handlungs- und Willensfreiheit, Moral und Gesellschaft darzulegen. Angereichert durch lebensnahe Beispiele wurde von Herrn ROTH veranschaulicht, was zuvor bei dem einen oder anderen noch nicht ganz durchdrungen war:

Er ging gemeinsam mit dem Kurs dem Gedanken nach, dass sich unser Handeln innerhalb der gesellschaftlichen Normen bewegt, weil nur so ein Zusammenleben möglich ist, diese gesellschaftlichen Normen aber zugleich an sich nicht weiter begründet werden können − sie sind per se nicht logisch. Wir handeln normgerecht, weil wir heteronome Normen zu autonomen internalisiert haben. Wenn wir uns umsehen, bemerken wir: Das funktioniert aber nicht immer, sodass die Frage aufkam, warum das so sei? Weil Menschen − so ROTHs Antwort − merken, dass es keine Antwort auf die Frage "Why be moral?" gibt. Bisweilen scheinen auch individualisierte, nicht-konforme Menschen wie FRIEDRICH NIETZSCHE oder große Künstler nötig (in der Regel sind sie zu Lebzeiten gesellschaftliche Außenseiter), ja: die Geschichte hat uns gelehrt, dass es Situationen gibt, in denen Widerstand geboten ist.

Wenn wir handeln (und Handlungsalternativen haben), handeln wir innerhalb der determinierten Welt intuitiv, aufgrund eines dominierenden Gefühls, nicht aber aufgrund einer Vorabüberlegung. Erst in der nachträglichen Reflexion über unser Handeln können wir Gründe angeben, warum wir so und nicht anders gehandelt haben, warum in der konkreten Situation ein Gefühl ein anderes dominierte. Unsere Handeln ist also frei, während unser Willen von Motiven bestimmt und daher unfrei ist. Ob es bei ADAM und EVA ein erstes durch Motive nicht-determiniertes Handeln gegeben habe, wissen wir (nicht nur laut ROTH) nicht. Jetzt gibt es eine Freiheit des Willens jedenfalls nicht.

Davon ausgehend wurde in dem Gespräch auf die Notwendigkeit einer Moralkritik verwiesen. Wer die „schmerzhafte Selbstreflexion" durchlebt, dass wir aufgrund unseres „So-und-nicht-anders-Seins" in bestimmter Weise handeln, sieht davon ab, ein selbstgerechtes Urteil über andere Menschen zu fällen, die gegen Normen verstoßen haben. Derjenige wird nicht von sich behaupten: „Was dieser oder jener getan hat,
macht ihn zu einem schlechten Menschen. Ich würde so etwas ja nie tun!" Und wenn jener nun doch einmal gegen Normen verstieße, hieße es: „Eigentlich tue ich so etwas nie!" und sich darüber hinwegtäuschen, dass menschliches Handeln immer durch bestimmte Motive begründet ist, er würde sehen, dass wir nicht wollen können, was wir wollen, dass es keine Ausnahmesituation gibt. Wer sich dem Prozess der Selbstreflexion aussetzt, würde sehen, dass „Sünde" ein transmoralischer Begriff und Kennzeichen jedes Menschen ist. Diese Einsicht MARTIN LUTHERs bildete den Schlusspunkt des von Autor- und Kursseite gleichermaßen als befruchtend wahrgenommenen Diskurses. Herrn ROTH gebührt auch an dieser Stelle noch einmal unser herzlichster Dank für sein Kommen an das Städtische Gymnasium Rheinbach, das hoffentlich nicht sein letztes gewesen ist.

ELKE WINDRATH (5. April 2014)