„Wir behalten von unsern Studien am Ende doch nur das, was wir praktisch anwenden.“
- Johann Wolfgang von Goethe[1]

Im Fach Pädagogik werden verschiedenste Theorien zum Individuum und seiner differenzierten Entwicklung; seiner Rolle in der Gesellschaft, seiner Erziehung in unterschiedlichen Epochen und seinem Lernverhalten thematisiert. Obwohl es zunächst sehr hypothetisch und fern wirkt, vor allem für diejenigen, die sich in naher Zukunft keine Kinder wünschen oder eine berufliche Ausbildung in diese Richtung einschlagen möchten, stößt es trotzdem immer wieder auf beträchtliches Interesse. Doch warum ist es für einen Schüler so attraktiv, mehr über Erziehung und Schulwesen zu lernen, auch wenn er bereits alltäglich damit konfrontiert und gegebenenfalls sogar belastet wird?

Konträr zu anderen, bereits in der Unterstufe fest verankerten Fächern wie Naturwissenschaften oder Deutsch, ergibt sich die Legitimation des Pädagogik-Unterrichts nicht zwangsläufig aus dem notwendigen Verständnis grundlegender physikalischer Umweltprozesse oder fehlerfreier Kommunikation, sondern appelliert viel eher an das persönliche Interesse des Schülers, sich mit zwischenmenschlichen sowie intrapsychischen Prozessen auseinanderzusetzen.

Nach dem Abitur kann derjenige, der sich für die Wahl von Pädagogik entschieden hat, jedoch nicht nur auf ein großes Repertoire an Kenntnissen über theoretische und praktische Ansätze wichtiger Personen der Erziehungswissenschaft zurückgreifen, sondern es auch in Alltagssituationen anwenden und in seine eigeneGegenwart und Zukunft gestaltend mit einbinden. Diese Kompetenz betrifft nicht nur diverses Wissen über die Erziehung von Kindern, sondern erleichtert auch den Umgang mit Menschen anderer Altersgruppen und vor allem die reflektierte Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Identität. Indem man sein soziales Umfeld genauer betrachtet, wird man gleichermaßen dazu angeregt, das zu untersuchen, was in seinem eigenen Innern geschieht und die Einflüsse, die man an die Umwelt abgegeben und von ihr aufgenommen werden, sowohl in gewissem Maße zu erkennen als auch stets kritisch zu hinterfragen.

Eine der Theorien, die sich bevorzugt mit diesen inneren Prozessen des Individuums beschäftigt, ist die von Sigmund Freud. Wichtig für diese ist, zunächst zu klären, was das Bewusstsein ist und inwiefern die in Freuds Strukturmodell der Psyche beschriebenen Instanzen Es, Ich und Über-Ich in ihm auftreten.

Der Begriff Bewusstsein umfasst die Gesamtheit der mentalen Zustände eines Individuums, die durch komplexe neurophysiologische Prozesse erzeugt werden, und aufmerksam wahrgenommen werden können.[2]Dort findet man Assoziationen, Träume, Gedanken, Gefühle, Wünsche sowie erlernte Zahlen, Fakten und Daten, auf die man jederzeit zurückgreifen kann.

Ängste, verdrängte Konflikte und gewisse Persönlichkeitsmerkmale hingegen treten vor allem vorbewusst auf, das heißt, sie sind Prozesse, die dem Bewusstsein aktuell entgehen und zwar an die unbewussten Teile des Ichs gebunden sind, aber nicht vollkommen unzugänglich sind.
Das Unbewusste hingegen ist nach Freud vollkommen anderen Gesetzen unterworfen und uns kaum zu erschließen; in ihm soll man Erbanlagen und Instinkte sowie traumatische Ereignisse, Gelüste und Triebe finden.

Das Es, welches als Lustprinzip dargestellt wird, existiert bereits von Geburt an unbewusst und vereint, neben dem Trieb nach Liebe (Eros), auch den nach Zerstörung und Tod (Thanatos). Ihm gegenüber findet sich das Über-Ich, auch als Moralitätsprinzip bezeichnet, das durch Erziehung und Sozialisation im frühen Kindesalter allmählich gebildet und ausgereift wird. Nur ein kleiner Teil wird bewusst wahrgenommen, der Rest spielt sich im Vor- oder Unbewussten ab. Zwischen diesen beiden Instanzen vermittelt das Realitätsprinzip, das Ich. Ebenso wie das Über-Ich können in ihm nur wenige bestimmte Anteile bewusst erkannt werden, das Meiste verläuft unbewusst. Sein Ziel ist es, die Waage zwischen den beiden anderen Instanzen zu halten und nach Lust, der Herabsetzung innerer Reizspannungen, zu streben.

Gelingt es dem Ich nicht, sich gegenüber Es und Über-Ich zu behaupten oder seine Handlungen mit den Forderungen der Realität in Einklang zu bringen, so wird es geschwächt und von den anderen Instanzen in gewissem Maße unterdrückt. Um solche unbewussten psychischen Konflikte bewältigen und sich trotzdem kontrollieren zu können, greifen diverse Abwehrmechanismen, die Bewusstes von Vor- und Unbewusstem abspalten können und gegen Angst wirken. So wird verhindert, dass unlustvolle und schmerzhafte Impulse und Affekte wie beispielsweise Aggression, Ohnmachtsgefühle oder Überforderung und Minderwertigkeit aufmerksam wahrgenommen werden und das Individuum stark belasten. Es ist möglich, dass sie nicht nur auf ein erträgliches Maß reduziert, sondern vollständig dem Bewusstsein entzogen werden.

Tatsächlich werden sie von jedem täglich eingesetzt und erst pathologisch auffällig, wenn sie sich auf ein bestimmtes Krankheitsbild fixieren und dort so übermäßig zum Einsatz kommen, dass ein Realitätsverlust entsteht und die Selbstwahrnehmung stark getäuscht wird. Die Psychoanalyse nach Freud geht davon aus, dass sie dann dazu genutzt werden, über gewisse Symptome etwas in ihrer Umwelt zu bewirken und anderen gegenüber auszudrücken.
Sie wurden von Anna Freud, der Tochter von Siegmund Freud, festgehalten und erläutert. Häufig zu beobachtende Beispiele wären die Projektion (eigene Absichten, Affekte und Stimmungen werden anderen zugeschrieben und können so verurteilt werden), die Vermeidung (Schlüsselreize, die Triebregungen bewirken könnten, werden gemieden), die Verleugnung (ein bestimmter Realitätsausschnitt wird zwar wahrgenommen, aber weder emotional noch rational anerkannt und somit verleugnet), die Rationalisierung (emotionale Bezüge werden ausgeschlossen und Handlungen allein durch rationale Erklärungen gerechtfertigt), die Sublimierung (bestimmte Triebwünsche, die nicht erfüllt werden können, werden durch solche befriedigt, die gesellschaftlich anerkannt werden; beispielsweise kann ein Mordwunsch in einer Zeichnung festgehalten werden) oder die Regression (das Individuum fällt auf eine niedrigere Entwicklungsstufe des Ichs zurück, reagiert also zum Beispiel mit Trotz).[3]

Doch inwiefern helfen uns die Kenntnisse über Freuds Theorie dabei, auch Selbstreflexion zu üben und sie im Alltag anzuwenden?

Dafür ist es erst einmal wichtig, ihre Gültigkeit zu klären. Sein Modell der psychosexuellen Entwicklung ist zwar umstritten, das zur Struktur der Psyche bildet jedoch bis heute die Grundlage der Psychoanalyse, die zwar nicht außer Konkurrenz steht, aber noch häufig Anwendung findet. Auch auf neurowissenschaftlicher Ebene kann man seine Theorie legitimieren, der Gehirnforscher Gerhard Roth bestätigt drei seiner entscheidenden Aussagen:

  • Das Unbewusste hat mehr Einfluss auf das Bewusste als umgekehrt.
  • Das Unbewusste entsteht zeitlich vor dem Bewussten.
  • Das Ich hat wenig Einsicht in die Grundlage seiner Wünsche und Handlungen.[4]

Auch wenn Vieles uns selbst unzugänglich bleibt, so können wir doch bereits allerhand mit dem, was wir bewusst wahrnehmen und beobachten können, anfangen.

Sollte jemand nun scheinbar irrational agieren, kann man sich die Frage stellen, was Ursache für diese Verhaltensweisen sein könnte und gegebenenfalls gewisse Muster erkennen und mit dementsprechenden Reaktionen antworten. Für die wenigsten Menschen scheint es auf den ersten Blick plausibel, dass eine Witwe beispielsweise noch Jahre nach dem Tod ihres Ehepartners den Tisch immerzu für ihn mitdecken könnte. Betrachtet man dies anhand der Abwehrmechanismen, die einem im Pädagogikunterricht begegnen, so lässt sich dies ganz einfach durch Verleugnung erklären und bewahrt besagte Frau vor dem emotionalen Zusammenbruch durch die Trauer, die mit der Erkenntnis des tatsächlichen Ableben des Mannes einherginge. Als Außenstehender ist es so möglich, die Situation nicht urteilend zu betrachten und die Betroffene gegebenenfalls an Hilfe zu führen, um das traumatische Ereignis aufzuarbeiten.

Auch in Konflikten ist dieses Wissen eine Bereicherung. Verleugnung, also das Negieren eines tatsächlichen Sachverhalts, ist ein häufig angewandter Schutzmechanismus. In einer Alltagssituation geschieht dies oft und teilweise kaum bewusst. Hat man zum Beispiel eine Auseinandersetzung mit einer Freundin über den gleichen Mann und sie gibt vor, ihn nicht zu begehren, kann das ein spontaner Einsatz von Verleugnung sein und sie gesteht es sich in diesem Moment selbst nicht ein, um Problemen zu entgehen, ganz ohne den vermeintlich bösen Hintergedanken, ihr Gegenüber täuschen zu wollen.

Allerdings ist es nicht nur möglich, das Verhalten anderer Leute zu beobachten, sondern es auch auf sich selbst anzuwenden und das eigene Agieren in früheren Situationen zu reflektieren. Wann bin ich das letzte Mal in eine Trotzphase verfallen (Regression) und was war der Auslöser dafür? Wann habe ich bestimmte Orte und/oder Ereignisse vermieden, um nicht gewissen Reizen ausgesetzt zu sein, die Unwohlsein erzeugen würden? Mit ein bisschen Glück findet man dafür sogar die passende Erklärung und kann das nächste Mal rationaler handeln.
Interessant ist auch die Verarbeitung von zunächst unbewussten Trieben in Form von Sublimationen und Träumen. Zwar begibt man sich so in ein heikleres Feld der Spekulation, doch kann man, indem man gewisse Muster erschließt, auch Rückschlüsse auf seine realen Begierden ziehen und so möglichen Problemen begegnen, ehe man diese vielleicht in der Realität ausübt und sich selbst oder anderen durch gesellschaftlich inakzeptable Aktionen schadet. Präventiv kann so auch von außen eingegriffen werden, sollten bei einer anderen Person wiederkehrende Arten der Sublimierung von gefährlichen Trieben auffallen. Einige Mörder haben beispielsweise versucht, ihr Begehren zunächst künstlerisch darzustellen und so das Bedürfnis danach in erträglichem Maße einzudämmen.

Gerade weil man weiß, dass gewisse Prozesse unbewusst verlaufen, wir also keine Möglichkeit haben, gezielt auf sie zuzugreifen, kann dies aber auch eine Entlastung darstellen. Vielleicht betrübt uns zunächst der Gedanke, keine vollkommene Kontrolle über uns selbst zu haben, jedoch wäre gerade das dramatisch. Die Abwehrmechanismen helfen dem Individuum immerhin dabei, zu funktionieren und der Realität standzuhalten. Da diese allerdings zu hinterfragen ist, eröffnet sich einem ein völlig neues Mysterium, das man zumindest in kleinen Teilen versuchen kann, nach und nach zu erschließen und so rückblickend seine Entwicklung zu reflektieren. Wichtig ist, sich dabei auch die Frage nach dem Einfluss der Außenwelt zu stellen. Das Über-Ich, welches sich durch Erziehungs- und Sozialisationsvorgänge formt, spiegelt Normen und Werte der Gesellschaft wider, man internalisiert diese dermaßen, dass man von dem Umfeld, in dem man aufgewachsen ist, nie ganz unabhängig sein könnte. Sich das bewusst zu machen, hilft dabei, in Konfliktsituationen den Vorwurf zu umgehen, man wolle sich nicht vollkommen in eine andere Person oder Lebensweise hineinversetzen und strenge sich nicht genügend an – denn das ist tatsächlich unmöglich. Autonomie bedeutet aber auch, in der Lage zu sein, zu erkennen, dass man zwar einseitig geprägt ist, aber Anderem dennoch offen zu begegnen und so seine Handlung rational und möglichst objektiv abzuwägen und zu entscheiden. Das ist eine Fähigkeit, die für eine funktionierende Gemeinschaft unabdingbar ist und sie wird hierbei speziell gefördert.

Auch ergibt sich aus der näheren Studie Freuds, wie wichtig es ist, ein Augenmerk auf die Entwicklung des Ichs und vor allem dessen Stärkung zu legen, damit es sich gegenüber Es, Über-Ich sowie der Realität beweisen kann. Gefördert wird es beispielsweise durch kognitive Herausforderungen, komplexes Sprachvermögen und differenzierte Problembewältigung. Auffällig ist, dass also nicht nur die Schule als Institution im Gesamten, sondern auch speziell der Pädagogikunterricht die Position einnimmt, hier als Stütze zu fungieren.

Das führt dazu, dass diese Fach sowohl thematisch als auch methodisch zur Verbesserung der Selbstreflexion beiträgt. Durch die Untersuchung von realen oder theoretischen Fallbeispielen, die vor allem bei der Besprechung von Freuds Theorie sinnvoll zum Einsatz kommen, wird das Analyseverhalten und „um-die-Ecke-Denken“ der Schüler gezielt geschult, welches den Alltag erleichtert, neue Sichtweisen auf gewisse zwischenmenschliche Phänomene sowie eine frühe Erkennung und angemessenes Verhalten in problematischen Situationen ermöglicht.

 

Freuds Theorien bieten die Grundlage für einige weitere wissenschaftliche Ansätze, mit denen man sich im Laufe der drei Jahre Pädagogikunterricht beschäftigt. Ein Beispiel hierfür wäre der psychoanalytische Erklärungsansatz zur Entstehung von Gewalt von Prof. Udo Rauchfleisch, der als Psychotherapeut und –Analytiker tätig ist.

Menschen mit Gewaltpotential weisen laut ihm eine Persönlichkeitsstruktur mit einigen komplizierten Störungen auf, die auf prägende, frühkindliche Entwicklungsbedingungen zurückzuführen sind. Diese zumeist schwerwiegenden Beeinträchtigungen, die die Betroffenen in ihrem Leben erfahren haben, sind zumeist von der sozialen Instabilität der Herkunftsfamilie verursacht worden, die sich sowohl in gravierenden finanziellen als auch persönlichen Problemen und Konflikten äußern kann. Dies führt bei dem Opfer solcher Erfahrungen nicht nur zu tief verankerten Ängsten, sondern lässt als Antwort auf diese auch einen Rückgriff auf verschiedenste Abwehrmechanismen zu. Daraus resultiert neben großen Schwierigkeiten bei der Pflege sozialer Beziehungen auch eine starke aggressive Besetzung der Vorstellungen, die derjenige von sich selbst oder bedeutenden Personen seines Umfelds entwickelt. Beim Umgang mit anderen tritt seine Aggression omnipräsent indirekt durch Gier oder direkt durch Neid in Erscheinung, woraus sich Spannungen ergeben.

Zwar dienen die Abwehrmechanismen dem Schutz seiner Persönlichkeit, indem sie die inneren Konflikte abschirmen, die Ängste abwehren und die Aggression kontrollieren, doch stören sie auch die Wahrnehmung der Realität und behindern gewisse Reifeschritte, weshalb die Angst- und Spannungstoleranz niedrig ist, soziale Kompetenzen nur schwer erlangt werden und Schul- und Berufsausbildung selten abgeschlossen werden.

Neben diesen Ich-strukturellen Störungen sind auch noch die des Über-Ichs zu finden, die den Realitätsbezug noch stärker mindern und als Konsequenzen soziale Konflikte aufweisen. Bei Menschen mit hohem Aggressionspotential findet man zumeist als Folge der früh erlebten Traumatisierungen sadistische Anteile im Moralitätsprinzip. Diese geben Impulse zur Selbstentwertung und –Verurteilung ab, die der Empfänger als Schutzmaßnahme auf seine Außenwelt projiziert und somit das Verlangen entwickelt, dieser zu schaden.
Auch sein Ich-Ideal fördert das Gewaltverhalten. Dieses ist in den meisten Fällen deutlich überhöht und so nicht realistisch zu erreichen, was wiederum einerseits in Selbstverurteilung und –Entwertung mündet, andererseits einen undurchdringbaren Teufelskreis darstellt, da diese Ansprüche an die eigene Person nicht erfüllt werden können und dadurch das ständige Gefühl des Versagens eintritt.

Der letzte Faktor zur Verstärkung der Aggression ist der Anteil an starken narzisstischen Störungen im Charakter dieser Menschen. Sie haben durch die Erfahrungen im Kindesalter ein „Größen-Selbst“ von sich kreiert, welches als pathologisches Schmelzprodukt aus Real-Selbst (besonders zu sein), Ideal-selbst (Machtfantasien) und Ideal-Objekten (bspw.: Vorstellung einer liebenden Elternfigur) verstanden wird. Dadurch werden die Partner/-innen Mittel zur Bestätigung und Befriedigung ihrer narzisstischen Triebe und Objekt zur Aufwertung der eigenen Person. Manipulation, die in zwischenmenschlichen Beziehungen angewandt wird, hat den gleichen Effekt: indem Macht ausgeübt wird, stellt man sich über einen anderen Menschen und wertet sich so selbst auf. Eine weitere Verstärkung übt die narzisstische Persönlichkeitskomponente auf die niedrige Frustrationstoleranz aus. Da man sich selbst zwar besser sehen möchte als die anderen, löst die Wahrnehmung sich noch weiter von der Realität und man ist bei Kritik schneller gekränkt, was vor allem deshalb gravierend ist, weil so Sozialkompetenzen noch schlechter erlernt werden können. Durch den Mangel an diesen stößt man allerdings öfter auf Situationen, die den Selbstwert angreifen und verliert sich in dieser Spirale aus Kränkung und Aufwertung durch aggressives und manipulatives Verhalten, da man sonst keine Kompensationsmöglichkeit kennt.

Als pädagogische Konsequenz ergibt sich hierbei vor allem, darauf zu achten, ob ein Kind solch schädlichen Verhältnissen ausgesetzt ist und ob man dagegen wirken kann oder älteren, bereits traumatisierten Personen bei der Aufarbeitung ihrer Erfahrungen zu helfen und sie durch den Hinweis auf therapeutische Maßnahmen zu unterstützen.

Doch welche Möglichkeiten sind in Bezug auf die Selbstreflexion zu finden?
Zunächst ist es wichtig, sich vor Augen zu führen, dass das Gewaltpotential nicht aufgrund von Langeweile, purem Egoismus oder schlechter Erziehung entstanden ist wie man bei aggressiven Kindern meinen, sondern durch frühkindliche Traumata erzeugt wurde und tief in der Persönlichkeit verankert ist. Somit liegt die Schuld nicht beim Individuum allein, sondern es ist selbst Opfer eines Ausmaßes an schwerwiegender Verletzung verbaler, physischer oder psychischer Natur geworden, das die wenigsten nachvollziehen könnten. Zwar rechtfertigt das nicht das Verhalten desjenigen, aber es fördert das Verständnis für seine Situation und lässt von einer stark negativen, verurteilenden Seite abrücken und ihm sich auf empathischere Weise widmen. Erst so ist es möglich, zu erkennen, dass das Benehmen des Betroffenen nur dann nachhaltig verändert werden kann, wenn die Störungen seiner Persönlichkeit erkannt und die Erlebnisse aufgearbeitet werden können, sodass ein anderer, gesellschaftlich anerkannter Umgang mit dem Aggressionspotential erlernt und die sozialen Fähigkeiten gefördert werden können.

Einem selbst hilft diese Erkenntnis dabei, das Schwarz-Weiß-Denken abzulegen und hinter die Fassade zu blicken sowie sein Empathievermögen zu fördern. Die Welt ist nicht stereotypisch in Gut und Böse aufgeteilt und der Mensch, der als schlecht konnotierte Handlungen gegenüber seiner Umgebung ausübt, tut das nur, um sich vor Erfahrungen zu schützen, die den negativen in seiner Kindheit ähneln könnten. Diese Sichtweise hilft dabei, ein besseres Verständnis für die unterschiedlichsten Menschen, ihre Eigenarten, ihre Situation und ihr früheres Leben aufzubringen und führt vielleicht auch dazu, nicht nur weniger verurteilend über sie zu denken, sondern sie auch weniger kritisch in Worten und Taten zu empfangen und ihnen das Maß an Toleranz gegenüber aufzubringen, das sie sich von ihren Mitmenschen erhoffen und doch so selten bekommen.

Mit dem Wissen darüber, welche gravierenden Folgen ein starkes Fehlverhalten gegenüber seinem Umfeld auslösen kann, weiß man nach Rauchfleisch auch, was vor allem in der Erziehung gegenüber Kindern zu vermeiden ist und wie wichtig es ist, sie trotz ihrer Schwächen zu akzeptieren und ihnen die nötige Bestätigung und Liebe entgegenzubringen. Eventuell ist dieser Aspekt den Schülern, die ohne kleinere Geschwister oder näheren Bezug zu jüngeren Mitmenschen aufweisen, zunächst nicht bedeutend, aber da man nie genau weiß, wohin einen das Leben in Zukunft führt, ist es möglich, dass er in späteren Zeiten eine zentrale Rolle einnimmt und dann nicht zu verachten ist.

Als letzte abzuleitende Konsequenz für sich selbst ist das Bewusstsein über das eigene Gewaltpotential sowie über das seiner Umgebung. Die von Rauchfleisch beschriebenen gestörten Entwicklungen der Persönlichkeit hätten jeden treffen können, wäre dessen Leben vielleicht an manchen Stellen anders gelaufen, und können in verschiedenstem Ausmaß auftreten. Viele Mitmenschen weisen sicherlich gewisse dissoziale oder narzisstische Elemente ihres Charakters auf oder verhalten sich in manchen Situationen dem gesellschaftlichen Konsens nicht adäquat. Eventuell erkennt man an sich selbst auch Situationen, auf die man mit aggressiver Abwehr reagiert oder die starken Neid erzeugen, und bemerkt daran, dass sich dies ganz individuell äußert und in der Hinsicht niemand fehlerfrei ist. Möglicherweise kann man auch in seinem eigenen Leben Ursachen dafür finden, bestimmte soziale Beziehungen hinterfragen und so gewisse weitere traumatisierende Konflikte vermeiden.

Betrachtet man nun die Gewaltentstehung in einem größeren Kontext, also auf Ebene des Sozialisationsprozesses, wird man mit der Theorie von Wilhelm Heitmeyer konfrontiert. Er betrachtet vor allem die moderne Welt, die einem ständigen Wandel unterliegt und dem Individuum vielseitigere Möglichkeiten eröffnet als je zuvor.

Diese Individualisierung trägt jedoch sowohl positive als auch negative Seiten mit sich. In einem ambivalenten Verhältnis stehen große Entscheidungsspielräume starken Entscheidungszwängen und damit einhergehender Verlust von Bindungen an bestimmte Zukunftswege gegenüber. Dies ist an einem Beispiel leicht zu erläutern: Ein Abiturient kann sich nach dem Abschluss seiner Gymnasiallaufbahn zwischen verschiedenen Möglichkeiten des folgenden Werdegangs entscheiden. Einerseits gibt es ein breit gefächertes Angebot an Studienfächern und –plätzen, andererseits ein ebenso großes Spektrum an Ausbildungsstätten oder Arbeitsstellen. Es ist außerdem möglich, eine gewisse Zeit lang freiwillig Einblicke in bestimmte Berufsfelder durch Praktika oder ehrenamtliches Engagement zu erhalten, ebenso wie das Ausland zu bereisen, in dem sich einem erneut unzählige Chancen eröffnen können. Allerdings gibt es auch einen von der Gesellschaft ausgelösten omnipräsenten Druck, sich zu entscheiden, sei es von den Eltern oder der Schule oder anderen Institutionen. Dieser kann bereits vor dem Abitur eintreten und wird durch spezielle Auswahlverfahren oder hohe NCs verstärkt. So kann sich derjenige, der sich nicht bereits früh auf eine bestimmte Berufslaufbahn festlegen kann oder will, schnell überfordert fühlen und auch Angebote wie Berufsberatung und –Tests werden nur bedingt helfen. Nur noch wenige haben heute eine Bindung daran, die Profession der Eltern zu ergreifen und deren Unternehmen weiterzuführen, was früher zumindest einigen die Entscheidung schon von vorneherein abgenommen oder Gedanken in eine andere Richtung gar nicht erst zugelassen hat.

Gemeinsam mit den Desintegrationspotentialen, die in der heutigen Zeit auftreten, führt dies zur Verunsicherung des Individuums und kann sich in Gewalt äußern.

Diese Desintegrationspotentiale erkennt Heitmeyer vor allem im Verlust traditioneller Lebenszusammenhänge wie Familien, die heute viel wandelbarer und vielfältiger sind als noch im letzten Jahrhundert. Immer weniger haben heute noch die klassische Familienaufstellung mit verheirateten zusammenlebenden Eltern, bei einigen ändert sich die Struktur des nächsten Umfelds mehrere Male. Um bei dem oben aufgeführten Beispiel zu bleiben, wäre nun auch die Ablösung von Zuhause, um seinen Weg woanders fortzusetzen, ein weiterer Verunsicherungsfaktor.

Auch sind gewisse Werte und Normen in unserer Gesellschaft durch das Zusammenleben ganz unterschiedlicher Kulturen und Religionsverständnissen sowie die Vielfalt an politischen Meinungen, die durch die Demokratie gestärkt und gefordert werden, nicht mehr universell gültig und stehen nicht allzu selten sogar in Diskrepanz zueinander. So kann man in den wenigsten Situationen ein klares Urteil fällen und seine Verhaltensweisen nicht immer eindeutig mit gut und schlecht abwägen; eine Quelle ganz natürlicher Überforderung.
Zuletzt nimmt heutzutage auch die Partizipation an gesellschaftlichen Institutionen ab, Vereine rücken in einer Gesellschaft von schneller digitaler und intermedialer Kommunikation immer weiter in den Hintergrund. Wer Schach spielen möchte, kann das online tun, wer seine Fitness aufbessern will, kann im Internet gefundene Programme eigenständig im Fitnessstudio umsetzen und muss sich nicht mehr an eine real bestehende Gemeinschaft vor Ort wenden. Dies erleichtert zwar einerseits die Autonomie und man ist weniger von anderen abhängig, andererseits geht das Gemeinschaftsgefühl ein Stück weit verloren und damit auch der nötige Halt durch Mitmenschen, die eigene Interessen teilen.
Auf diese Verunsicherung antwortet das Individuum entweder konstruktiv und findet einen gesellschaftlich anerkannten Umgang mit seinen Problemen oder sie wird paralysierend erfahren und kann im schlimmsten Fall zu Handlungsweisen führen, die auf Unverständnis von außen treffen, wie etwa Gewaltausübung.

Aus diesen Gedanken ergeben sich erneut grundlegende Hilfestellungen für den Umgang mit der eigenen Person und anderen, aber vor allem auch für die Verminderung der Angst, wenn es um Zukunftsfragen geht.

Zunächst wird das Verständnis der Gesellschaft, in der man aufwächst, gefördert. So kann man bewusst Desintegrationspotentiale in seinem Leben erkennen und versuchen, auf diese zu reagieren. Die Individualisierung bietet immerhin nicht nur eine große Vielfalt an Entscheidungsmöglichkeiten, sondern auch eine hohe Anzahl an Entscheidungsstützen. Durch die Medien haben wir die Chance, uns über alles entsprechend zu informieren und sowohl in der Schule als auch danach begegnen uns zahlreiche Angebote zur Orientierung. Insbesondere die Medien stellen hier umfangreich und schnell Informationen bereit, die beinahe jederzeit abrufbar sind.

Zwar wird die Überforderung immer in einem bestimmtem Maße bestehen bleiben, ebenso wie die Frage danach, ob man die sinnvollste Entscheidung fällt, allerdings ist es so auch möglich, die Chancen zu erkennen, die uns die modernisierte Welt bietet. Dieser positive Blick auf die Zukunft erleichtert die Wahl des Weges, indem er die Last abnimmt, man müsse sich immerzu richtig entscheiden, denn es gäbe kein Zurück. Zwar gibt es keine Möglichkeit, womöglich verlorene Zeit aufzuholen, doch erlernt man auch in dieser immerzu Kompetenzen, die einem vielleicht später weiterhelfen könnten. Einer der stärksten Vorteile der heutigen, sich selbst immerzu wandelnden Zeit ist ganz deutlich der, dass man sich immer wieder umentscheiden kann und es nie zu spät ist, die Richtung zu ändern.

Hat man diese Auffassung für sich erstmal verinnerlicht, ist es leichter, seine nächsten Schritte zu tätigen und auch andere dabei zu unterstützen, indem man ihnen ein offenes Ohr bietet, versucht, ihre Entscheidungen zu erleichtern und dafür die eigene sowie verschiedene Meinungen darlegt oder sie dazu antreibt, sich an einen professionell dazu Ausgebildeten zu wenden. Möglicherweise kann man ihnen so einen Teil der eigenen Zuversicht abgeben und somit die Tragweite der Überforderung mindern.

Ein letzter Aspekt, der das Miteinander erleichtert, ist das Wissen darum, dass man mit seinen Sorgen nicht allein ist. Die wenigsten haben schon in jungen Jahren ein klares Bild von ihren Zukunftsperspektiven und verfolgen diese auch wie gewollt. Oft ändern sich Interessen im Laufe der Entwicklung oder man lernt Neues kennen, das man zuvor nie derart wahrgenommen oder für sich in Betracht gezogen hat. Heitmeyer bringt einem nahe, dass diese Verunsicherung etwas Universelles ist, sich zwar individuell äußert, aber per se jeden treffen kann und wird. Man muss sich deshalb weder schlecht fühlen noch nicht fähig dazu, Entscheidungen alleine zu treffen. Nimmt man an, dass dies ein Problem ist, das die heutige Gesellschaft nun einmal verursacht, muss es nicht den eigenen Selbstwert verletzen. Viel eher kann man infrage stellen, warum man dies zulässt und Wege finden, diesen zu steigern und sich selbst in dieser aufregenden Zeit mit all seinen Entscheidungen zu akzeptieren.

 

Einige weitere Theorien befassen sich mit dem Zusammenspiel von Gesellschaft und Individuum, seiner Rolle in ihr und der Entwicklung seiner Identität.Eine noch recht aktuelle Theorie dazu findet man bei Lothar Krappmann.

Er erachtet die Identitätsentwicklung als dynamischen, fortlaufenden Prozess durch die Wechselbeziehung zwischen dem Menschen und seiner Umwelt.

Laut Krappmann definiert sie sich die Identität in jedem Kommunikations- und Interaktionsprozess neu, da man sich in unterschiedlichen Situationen möglichst den Umständen und den Anwesenden adäquat verhalten möchte. So spricht man mit den Lehrern anders als mit seinen Eltern und mit denen wiederum nicht so wie mit seinen Freunden.
In dieser Interaktion gibt es das Dilemma, dass man sich in der Kommunikation einerseits mit dem Gegenüber versucht anzugleichen und andererseits muss jeder seine Individualität verdeutlichen, um seinen Standpunkt zu vertreten und Diskussionsergebnisse berechenbar zu machen. Den Prozess, der sich daraus ergibt, betitelt Krappmann als Handel um Identität, die er in personale (Kombination individueller Eigenschaften) und soziale (universelle Erwartungen an die Position in der Gesellschaft) unterteilt. Aus der Balance dieser beiden ergibt sich schließlich die Ich-Identität.

Um in einer Gesellschaft seiner Rolle angemessen handeln zu können, müssen vier Grundqualifikationen des Rollenhandelns erreicht werden.

Erstens muss man dazu fähig sein, auch andere Rollen zu übernehmen, sich also in seine Mitmenschen einzufinden. Dieses Empathievermögen sollte so weit entwickelt sein, dass man auch Gedanken und Absichten der anderen erkennen, verstehen und erahnen kann.

Eine weitere Fähigkeit ist die der Rollendistanz. Wie der Name bereits verrät, ist es wichtig, Normen und Erwartungen an die eigene sowie andere Positionen wahrzunehmen, sie interpretieren und reflektieren zu können. Erst dann ist es möglich, sie mit seinen individuellen Wünschen und Zielen abzugleichen und mögliche Konflikte dazwischen zu vermeiden.

Als dritte notwendige Fähigkeit sieht Krappmann die Ambiguitätstoleranz. Widersprüchlichkeiten, kulturell bedingte Unterschiede sowie Informationen, die polyvalente, komplizierte oder gar unakzeptable Sachverhalte ausdrücken, müssen zunächst kritisch hinterfragt werden, statt sie vorbehaltslos anzuerkennen.

Zuletzt ist es noch wichtig, seine Identität nicht nur selbst zu kennen und Reflexionsvermögen zu besitzen, sondern sie auch noch anderen treffend präsentieren zu können.[5]

Für Jugendliche ist es in erster Linie bedeutend, vor allem die Rollendistanz zu erlernen, da sich hier die meisten Spannungen ergeben. Von verschiedenen Seiten wird ganz Unterschiedliches erwartet, was vor allem in den Anfängen des autonomen Verhaltens Überforderung erzeugen kann. Die Eltern haben beispielsweise die Erwartungen an ihr Kind, dass es gute Noten schreibt, sein Zimmer in Ordnung hält und im Haushalt hilft, während der Wunsch der Freunde, Zeit zu verbringen, damit im Konflikt stehen kann. Da man aber ab einem gewissen Alter Freiräume eingeräumt bekommt, ist die Entscheidung nun umso schwieriger und Prioritäten müssen erstmals dort gesetzt werden, wo dies zuvor die Macht von Erziehungsberechtigten gar nicht erst zugelassen hat.

Die Kenntnis über Krappmanns Theorie hilft hier insofern, zu erkennen, welche Ansprüche die Umgebung einem stellt und welche Vorstellungen man selbst im Gegensatz dazu hat und weist dabei darauf hin, dass es nicht nur wichtig ist, im gesellschaftlichem Kontext zu bestehen, sondern auch seine eigenen Bedürfnisse zu berücksichtigen. Vor allem in der stressigen Phase des Jugendalters kann so der innere Konflikt zwischen den Erwartungen von außen und einem selbst akzeptiert und durch die nötige distanzierte Reflexion überwunden werden. Einem wird so die Angst vor Fehltritten ein Stück weit genommen.

Den größten Anteil der Selbstreflexion stellt die Frage nach der eigenen Identität dar, auf die Krappmann situationsbedingte Antworten findet. Es ist wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, wer man ist und warum man sich in einer bestimmten Situation entsprechend verhält. Hierzu regen die Gedanken Krappmanns an. Indem man seine eigene Position hinterfragt und mit dem Bild Außenstehender abgleicht, gerät man sicherlich an gewisse konträre Auffassungen. Sollte man diese nicht wollen, hat man die Chance sein Bild bei anderen positiv durch das Hinterfragen seiner Handlungsweisen zu verbessern und sich so zu ändern, dass sich Selbst-und Fremdbild weitgehend decken.

Aber nicht nur seine eigene Identität ist zu untersuchen, sondern auch die der anderen und der Umgang mit ihr. Betrachtet man das Verhalten gegenüber dem Umfeld und kann es objektiv bewerten, so lässt sich dadurch angemessenes Verhalten steigern und gegebenenfalls sogar das Empathievermögen ausweiten. In spontanen Interaktionsprozessen wird man oft zu sehr von den eigenen Emotionen eingenommen, um die Handlungen des Gegenübers vollkommen nachzuvollziehen; wenn man zeitliche und emotionale Distanz eingenommen hat, lässt sich dies reflektierter betrachten. Findet man hier neue Erklärungsansätze, können diese in Zukunft beim Umgang mit ähnlichen zwischenmenschlichen Konflikten helfen.

 

Zuletzt wird noch ein für Schüler immerzu gegenwärtiger Alltagsaspekt thematisiert: Lernen und Schule. Wichtig sind hierfür vor allem die Theorien von Albert Bandura bezüglich des Modelllernens, die Konzepte der Konditionierung sowie die von Helmut Fend über die gesellschaftlichen Funktionen von Schule.

Lernen am Modell beschreibt den Prozess, bei dem ein Beobachter Verhaltensweisen von einer Modellfigur, also einem Vorbild, mit dem es sich gewissermaßen identifizieren kann, übernimmt. Dadurch können effiziente Handlungsweisen im gesellschaftlichen Kontext schnell erlernt und an andere weitergegeben werden.

Klassische Konditionierung lässt sich am einfachsten über das Experiment von Pawlow, ihrem Begründer, erklären. Dieser hat bei seinem Hund beobachtet, dass der unkonditionierte Reiz „Futter“ die natürliche Reaktion „Speichelfluss“ bewirkt. Wenn eine Glocke erklingt, ein neutraler Reiz, erfolgt diese Reaktion nicht. Erst wenn man beide Reize, also Futter und Glockenklingen, lange genug kombiniert und dem Hund als eine Einheit präsentiert, überträgt er den einen Reiz auf den anderen und wird in Zukunft auch beim bloßen Glockenspiel mit Speichelfluss reagieren. Er ist nun darauf konditioniert.[6]Ähnliches kann man bei Schülern beobachten. Bevor sie eingeschult werden, reagieren sie nicht unbedingt auf das Klingeln der Schulglocke, sobald sie aber einige Zeit dem Schulalltag ausgesetzt waren, werden sie dies als Zeichen zum Räumen der Tische und Verlassen des Klassenraumes verstehen.

Operante Konditionierung bedient sich an diesem Konzept und erweitert es durch Bestrafung und Verstärkung. Dabei gibt es positive Verstärkung (es wird durch das Zufügen eines angenehmen Reizes zur Wiederholung bestimmter Handlungsweisen ermutigt), negative Verstärkung (ein unangenehmer Reiz wird als Belohnung entfernt), Bestrafung Typ I (es wird durch das Zufügen eines unangenehmen Reizes vor Wiederholung bestimmter Handlungsweisen gewarnt) und Bestrafung Typ II (ein angenehmer Reiz wird als Bestrafung entzogen).[7]
Diesen drei Theorien lässt sich bereits Einiges abgewinnen, was für das eigene Leben hilfreich sein kann.

Zuerst erlangt man ein Bewusstsein darüber, in welch erschreckendem Maße die Umwelt einen beeinflussen kann, ohne dass man es vielleicht selbst mitbekommt. Kontrovers diskutiert wird hierbei vor allem immer wieder die Frage nach den Zusammenhängen von Gewaltpotential und dem Spielen von Simulationen, die aggressives Verhalten darstellen. In Experimenten auf Grundlage von Banduras Erkenntnissen wurden Korrelationen festgestellt, die zwar auf Kausalzusammenhänge schließen lassen, sie allerdings nicht beweisen können. Trotzdem ist die Kenntnis über diese Theorie eine Hilfe bei der Selbstreflexion und kann dazu führen, infrage zu stellen, womit man sich tagtäglich freiwillig konfrontiert, was dies für einen Einfluss auf einen selbst ausübt und woraus gewisse, möglicherweise neuartige Verhaltensweisen resultieren. In kleinerem Ausmaß merkt man es bereits in ganz alltäglichen Situationen: verbringt man eine längere Zeit mit einer bestimmten Person, so nimmt man ganz automatisch gewisse Ähnlichkeiten an. Möglicherweise wird es manchmal ebenso als Erleichterung wahrgenommen, hier zu wissen, dass dies ein ganz normales Phänomen ist und lediglich seinem Lernverhalten verschuldet ist.

Dennoch sollte man die zum Selbstschutz nötige Differenz zu dem bewahren, was man durch andere erfährt und vor allem bei Meinungen oder Gedanken an Handlungen, die gesellschaftlich nicht anerkannt wären oder eine Gefährdung für die eigene Gesundheit darstellen würden, die Kompetenz erlangen, diese kritisch zu hinterfragen, ehe man sie für sich selbst annimmt.

Das Wissen über Konditionierung lässt die Grenzen zwischen Manipulation, Belohnung und Bestrafung verschwimmen und führt einem noch einmal speziell vor Augen, wie leicht es ist, eine Person so stark zu beeinflussen, dass zunächst irrationale Verhaltensweisen irgendwann in ihre Realität aufgenommen und als sinnvoll anerkannt werden. Das wird vor allem wichtig, wenn man den Umgang mit kleineren Kindern und dort das Konzept von Belohnung und Bestrafung betrachtet. Wendet man dies zu oft oder zu stark an, kann man den jungen Menschen allzu leicht in bestimmte Richtungen lenken, die für ihn eigentlich nicht natürlich wären. Hier muss man also besonders vorsichtig sein, mehr unterstützend als tatsächlich führend zu agieren. Allerdings gibt es einem vielleicht auch gewissen Aufschluss darüber, warum bestimmte Reize mit bestimmten Reaktionen bei einem selbst konnotiert sind und kann so auch kritisch auf die Erziehungsmethoden seines Umfelds blicken, sofern man erkennt, dass durch bestimmte Konditionierungen allgemeine Nachteile erfahren werden.
Indem man im Auge behält, wie man selbst auf die umweltlichen Einflüsse reagiert, legt man auch zwangsläufig mehr Wert darauf, seiner eigenen Umgebung ein positives Vorbild zu sein. Wenn man sich darüber bewusst ist, wie stark andere seinem Verhalten begegnen können und gegebenenfalls schlechte Angewohnheiten übernehmen, wird man viel eher erst über Aktionen und Worte nachdenken, ehe man sie der Allgemeinheit präsentiert. So kann im schlimmsten Fall verhindert werden, dass jemand etwas von einem selbst kopiert, was ihm persönlich schaden könnte. Das wird in bestimmten Situationen nicht nur das Selbstbild positiv beeinflussen und das Gewissen erleichtern, man wird sicherlich auch von Außenstehenden als vernünftiger angesehen und behandelt.

Neben theoretischen Auffassungen vom Lernen wird auch die Messung von Intelligenz thematisiert. Hier kommt wieder die methodische Komponente des Pädagogik-Unterrichts zum Einsatz. Durch das Ausprobieren von Ausschnitten aus geläufigen Intelligenztests sowie die Beschäftigung mit verschiedensten Seiten von Intelligenz kann man ein tieferes Verständnis für seine Stärken und Schwächen erlangen und die Möglichkeit nutzen, das Selbstbild reflektiert zu betrachten und die eigene Auffassung davon zu überprüfen.
Durch die Auseinandersetzung mit verschiedensten Lernkonzepten und Merkhilfen, die sowohl theoretisch vorgestellt als auch praktisch angewandt werden können, erhält man als Schüler die Chance, auch einen Einblick in solche zu erlangen, die einem zunächst fremd erscheinen. Dadurch erschließt man für sich eventuell effektive Lernarten und kann diese in Zukunft bei Prüfungsvorbereitungen sinnvoll anwenden. Da nicht nur eine, sondern mehrere dargestellt werden, ist es erdenklich, jeden Schüler individuell zu erreichen. Das ist einer der direktesten Wege, über den der Unterricht im Fach Pädagogik den Alltag der Schüler positiv beeinflussen kann.

Schule besteht natürlich nicht bloß daraus, sondern soll dem lernenden Menschen durch das Heranführen an unterschiedlichstes Wissen und diverse Kompetenz den Einstieg ins Berufsleben ebnen. Helmut Fend hat in seiner Theorie vier Funktionen dieser Institution herausgestellt.
Die erste trägt den Namen Enkulturationsfunktion. Der Schüler erlernt die für die Reproduktion essentieller kultureller Normen und Werte nötigen Verständigungsformen wie Schrift und Zahlensysteme und setzt sich mit verschiedenen Religionen, Traditionen und Sitten auseinander. Durch diesen Sozialisationsprozess wird derjenige vollständig in die Gesellschaft integriert.

Die Qualifikationsfunktion trägt durch Unterricht und Lehre dazu bei, dem Schüler gezielt berufsrelevante Fähigkeiten anzueignen, welche später im ökonomischen System bedeutend werden.
Durch folgende Prüfungen erlangt man Berechtigungen, weitere Berufswege anzutreten und durch die Allokationsfunktion, die Verteilung auf unterschiedliche Positionen auf unterschiedliche Karrierelaufbahnen, wird eine gut funktionierende Sozialstruktur gewährleistet.
Zuletzt wirkt die Schule auch noch in Form der Integrationsfunktion, indem sie sowohl das aktuelle politische System als auch weitere, früher oder in anderen Regionen praktizierte Herrschaftsformen vorstellt und dem Lernenden dadurch die Möglichkeit gibt, sich in die Politik einzufinden und ihre Legitimation nachzuvollziehen.

Neben diesen Funktionen werden noch der Aufbau des Bildungswesen im Allgemeinen untersucht und die rechtlichen Grundlagen und Ziele betrachtet sowie die Pisa-Studie als Instrument zur Messung der Stärke des Bildungswesens kritisch untersucht. Vor allem durch Letzteres schult der Pädagogik-Unterricht erneut das Reflexions- und Urteilsvermögen.
Für den Schüler, der sich vertieft mit dem Schulwesen auseinandersetzt, bedeutet das vor allem, dass er eine Rechtfertigung für das bekommt, womit er über Jahre tagtäglich konfrontiert wurde. Als Teil seines Lebens hat die Schule über einen großen Zeitraum seine Identität maßgebend mitgestaltet und mit Sicherheit nicht nur positive, sondern auch negative Erlebnisse erzeugt und geprägt. Jeder gerät irgendwann an den Punkt, sich zu fragen, weshalb man das alles mitmachen sollte und hierauf bietet die oben vorgestellte Theorie eine deutliche Antwort: um als vollwertiger Teil der Gemeinschaft autonom wirken zu können; an kulturellen, politischen und ökonomischen Prozessen teilhaben zu dürfen. So kann man endlich das nötige Verständnis erreichen, um diesen Teil seines Lebens und seiner Identität rückblickend zu akzeptieren und vielleicht nicht als grundsätzlich schön, aber zumindest als sinnvoll anzuerkennen.

 

Aus dem Pädagogik-Unterricht kann man also in vielerlei Hinsicht Kompetenzen erlangen, die nicht nur über bloße Theorie-Kenntnisse hinausgehen, sondern auch in diversen Alltagssituationen häufig Anwendung finden. Das Selbstverständnis wird verändert, Handlungsweisen seiner Mitmenschen können besser nachvollzogen sowie die eigenen vernünftig und reflektiert betrachtet werden. Er übernimmt somit eine Erziehungsrolle im Leben des Schülers, die ganz individuell erfahren wird, aber dessen Autonomie, Mündigkeit sowie die in einer Gesellschaft notwendigen Sozialkompetenzen in jedem Falle fördert und somit eine nachhaltig prägende Position in seinem Leben einnehmen kann.

 

[1]Goethe, Gespräche. Mit Johann Peter Eckermann, 24. Februar 1824

[2]http://flexikon.doccheck.com/de/Bewusstsein

[3]http://www.seele-und-gesundheit.de/psycho/abwehrmechanismus.html

[4]http://www.zeit.de/2006/09/F-Welzer_2fRoth

[5]http://www.soziologie.phil.uni-erlangen.de/system/files/09.12.13_persoenliche_und_soziale_identitaet_krappmann.pdf

[6]https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/thumb/d/d7/Pavlov's_dog.svg/440px-Pavlov's_dog.svg.png

[7]http://www.wpgs.de/images/stories/Lehrtexte_Abbildungen/Motivation/Konditionierung.png